Freud und Leid eines Eisenbahnfotografen

 

Literarische Verarbeitung eines amüsanten Erlebnisses

Wer der Bahn als Staatsunternehmen mit ihrem ausgeprägten Sinn für Vorschriften nachtrauert, darf sich freuen. Es gibt ihn noch, den paragraphenbegeisterten, bornierten Beamten germanobürokratischer Prägung, der seine ganze berufliche Kraft ohne Rücksicht auf den Verstand in den Dienst bahnamtlicher Vorschriften stellt.

Im schönen Lahntal, genauer: auf dem Bahnhof von Balduinstein, agierte an einem sonnigen Sommernachmittag solch ein Vorzeigestück urdeutschen Beamtentums zur Freude von vier niederländischen Urlaubern, die nach dem zu schildernden Vorfall allen Grund hatten, ihre möglicherweise vorhandenen Vorurteile hinsichtlich „typisch deutschen" Verhaltens bestätigt zu sehen.


An besagtem Nachmittag beschloss ein begeisterter Eisenbahnfotograf, einen aus Balduinstein ausfahrenden VT 628 abzulichten. Da aber die Sonne ungünstig stand, entschloss er sich, doch lieber den einfahrenden Zug mit der Kulisse des Bahnhofsgebäudes im Hintergrund auf Zelluloid zu bannen. Dazu musste das Gleis zwischen den beiden Bahnsteigen auf einem dafür vorgesehenen Übergang überquert werden. Weit und breit war kein Zug zu sehen, also überquerte unser Fotograf kurzentschlossen das Gleis eins. Kaum hatte der pflichtbewusste Bahnbedienstete auf Bahnhof Balduinstein die Absicht des frevlerischen Hobbyfotografen erkannt, stürzte er in olympiareifem Tempo aus seiner Dienststube und befahl dem Tunichtgut in barschem Ton, sofort wieder zurückzukommen. Auf die höfliche Frage, warum der Aufenthalt auf dem mittleren Bahnsteig nicht erlaubt sei, wurde ihm beschieden, es fahre gleich ein Zug auf dem ersten Gleis ein und das Überqueren eines solchen Gleises sei verboten.

Dem Fotografen war es leider nicht vergönnt zu verstehen, dass der heiligste Zweck von Vorschriften ihre Einhaltung ist; wie sonst hätte er es wagen können, in dieser Situation zu argumentieren. Er sei doch nun schon drüben; insofern bestehe ja jetzt keine größere Gefahr, überfahren zu werden als auf dem anderen Bahnsteig. In dieser Situation nun bewährte sich der Bahnbedienstete in beispielloser Form. Dem ruchlosen Angriff auf bestehende Vorschriften begegnete er ohne Rücksicht auf Leib und Leben des Fotografen mit der hartnäckigen Forderung nach Rückkehr auf Bahnsteig eins. Welche Prioritäten für solche Musterexemplare deutschen Beamtentums gelten, zeigte sich, als der Fotograf nun gezwungen wurde, vor dem sich bereits in der Ferne ankündigenden Triebwagen abermals das von dieser Zugfahrt betroffene Gleis zu überqueren.

Die niederländischen Gäste quittierten die Verkehrung des Sinns der Vorschrift ins Gegenteil mit einem Schmunzeln und konstatierten, dass die bürokratische Welt auch bei der privatisierten Deutschen Bahn AG noch in Ordnung ist. Der Fotograf aber mochte sich trösten. Er schoss das ursprünglich geplante Foto. Es wurde eine wunderschöne Gegenlichtaufnahme!