Fotografenjagd auf Rügen

Literarische Verarbeitung eines amüsanten Erlebnisses

Es geschah am helllichten Tag auf der Insel Rügen. Auf der „Schmalen Heide“ zwischen Neu Mukran und Prora befuhren zwei Beamte des Bundesgrenzschutzes mit ihrem Bulli die Bundesstraße parallel zur Bahnstrecke von Lietzow nach Binz. Der Dienst war langweilig, trotzdem realisierte das dienstlich geschulte Auge der Beamten blitzartig eine verdächtige Situation: Kombi am linken Straßenrand, eine offenbar wartende Frau und jenseits der Gleise, auf einem Baumstapel, ein Mann, der sich anschickte, einen Fotoapparat bereit zu machen.

Der Zusammenhang war klar: Hier hatte jemand bedenkenlos gegen die Vorschriften verstoßen und unbefugt die Gleise überquert. Die Beweislage allerdings gestaltete sich schwieriger als erwartet, befand sich doch etwa einen Kilometer oberhalb eine Straßenbrücke, die rein theoretisch auch als Überweg gedient haben könnte. Um den Tunichtgut trotzdem überführen zu können, entschloss man sich nach kurzer Beratung, den Vorfall erst einmal aus einer verdeckten Position heraus zu beobachten, um festzustellen, auf welchem Wege der freche Fotograf zu seiner Ehefrau zurückkehren würde. Die Unterrichtsstunde über Umfang und Durchmesser des Kreises jedoch muss der nun mit dieser verantwortungsvollen Aufgabe betraute wackere Beamte seinerzeit verschlafen haben, wie sonst hätte er so hinter einem Baum Aufstellung nehmen können, dass links und rechts noch ein gutes Stück Polizist herausschaute?

Wie dem auch sei: Mal links, mal rechts hinter seinem Baum hervorlugend, erwartete der Beamte nun einen erneuten Angriff auf die bestehende Rechtsordnung, während sein Kollege die Sicherung im Hintergrund übernommen hatte. Zum Leidwesen der beiden tapferen Gesetzeshüter hatte aber unser Eisenbahnfreund so rechtzeitig an der Bahnstrecke Position bezogen, dass ihm mehr als genug Zeit bis zum Eintreffen des Nahverkehrszuges nach Binz blieb. Das war für unseren Grenzschutzbeamten insofern fatal, als seine ganze Haltung hinter dem Baum nicht gerade dazu angetan war, ihn als Verkörperung der Staatsgewalt ansehen zu können. Dies fiel auch immer wieder amüsierten Zeitgenossen auf der nahen Bundesstraße auf und auch die gegenüber postierte Ehefrau des Missetäters kam so in den Genuss einer kostenlosen Kabarettveranstaltung. Dem Beamten blieb deshalb nur die Wahl, einen möglichen Verstoß gegen die Vorschriften ungeahndet zu lassen oder aber die Flucht nach vorn anzutreten.

Um sich nicht dem Vorwurf der Strafvereitelung im Amt auszusetzen, schritt er deshalb dem Frevler entschlossen entgegen, um ihn durch gekonnte Rhetorik zu einem Geständnis zu bewegen. Das plötzliche Auftreten der uniformierten Staatsgewalt am Tatort – so stand zu vermuten – würde dem geschockten Rechtsbrecher schon die Zunge lockern. Doch welch freche Ignoranz gegenüber der bahnamtlichen Autorität! Nicht einmal Notiz nahm unser Fotograf von dem mit sichtlicher Mühe den Bahndamm hinaufstampfenden Racheengel. Seelenruhig wurde noch einmal die Belichtung überprüft, auch mussten Entfernung und Perspektive vor Eintreffen des Zuges unbedingt noch einmal einer eingehenden Prüfung unterzogen werden. Das Erscheinen eines uniformierten Polizisten mitten im Wald schien für unseren Eisenbahnfreund ebenso wenig ungewöhnlich zu sein wie die baldige Ankunft des Zuges aus Lietzow. Also musste der nun doch ziemlich irritierte Beamte selbst die Initiative ergreifen.

In einem im Hinblick auf das angestrebte Ziel unangemessen höflichen Ton unterstellte der Bahnpolizist dem Fotografen zunächst Gesetzestreue, indem er vermutete, dieser habe sicherlich die Brücke benutzt, um auf die andere Seite der Gleise zu gelangen. Als psychologisch geschulter Beamter wusste er, dass ein derart freundliches Entgegenkommen das Gewissen des Übeltäters wecken würde und ein Geständnis die logische Konsequenz der psychologischen Kriegsführung wäre. Die verbale Steilvorlage des Gesetzeshüters griff unser Fotograf natürlich gern auf, weil ihm ein Hinweis auf gute Fahrplankenntnisse und langjährige Erfahrungen beim Fotografieren von Eisenbahnen als Rechtfertigung gegenüber der personifizierten Bürokratie wenig erfolgversprechend erschien. Selbstverständlich habe er die Brücke benutzt; erstens sei das Überqueren der Bahngleise ja streng verboten und außerdem sei ein kleiner Spaziergang von zwei Kilometern Länge mit der gesamten Fotoausrüstung ja auch eine vom gesundheitlichen Standpunkt aus betrachtet sinnvolle Übung. Wie sonst solle er denn eigentlich auf die andere Seite der Gleise gekommen sein? Geflogen etwa? Die Andeutung einer möglichen Verwandtschaft mit Karlsson vom Dach verkniff sich der Fotograf aber, um die Sache nicht eskalieren zu lassen.


So blieb dem Grünrock nichts anderes übrig, als den ehrenvollen Rückzug anzutreten. Um nicht als Hanswurst dazustehen, drohte er dem Eisenbahnfreund mit einem Bußgeld von 10 Euro im Wiederholungsfall. Die Bemerkung, dass dies ein akzeptabler Preis für ein exzellentes Eisenbahnfoto sei, konnte sich der amüsierte Eisenbahnfreund aber denn doch nicht verkneifen.